Leseprobe von Astrid Seehaus

Klick und tot

Wehnder Warte

„Hast du das gesehen?“, spie er aus. „Ich frage dich: Hast du das gesehen?“ Wild gestikulierend zeigte Patrick auf einen Radfahrer, der mehrfach vor seinem Wagen die Fahrbahn gequert hatte, bis er sich endlich dazu entschloss, in eine Gasse einzubiegen.

 

   „Jetzt reg dich doch nicht so auf“, beschwichtigte Corinne. „Es ist doch nichts passiert.“

 

   „Nichts passiert? Nichts passiert?!“ Er schüttelte ungläubig den Kopf. „Es hätte aber etwas passieren können.“

 

   Corinne sah dem jugendlichen Radfahrer nach, dessen roter Rucksack fröhlich auf seinem Rücken wippte. In seiner neonfarbenen Jacke war er auch von Weitem deutlich zu erkennen.

 

   Beschwichtigend legte sie ihre Hand auf Patricks Oberschenkel. Sie spürte seine durchtrainierten Muskeln unter dem weichen Stoff der Jeans. Geschichte und Sport. Eine seltsame Kombination, ging ihr durch den Kopf. Sie war Lehrerin für Chemie, Kunst und Englisch, wahrscheinlich auch eine seltsame Kombination, zudem die Fächer als zeitintensiv galten. Aber sie gehörte nicht zu den Dünnbrettbohrern, im Gegenteil: Man sagte ihr eine zu große Ernsthaftigkeit nach, manchmal bezeichnete man sie sogar als Spaßbremse. Aber in letzter Zeit hatte ihr das Leben zugesetzt, und es gab eben nicht viel zu lachen.

 

   Beide unterrichteten an der gleichen Schule. Sie war neu und bekleidete eine kurzfristig frei gewordene Stelle. Patrick war ihr sofort aufgefallen. Er sah aus wie ein Modell. Sie konnte zu Anfang kaum glauben, dass er zum Lehrkörper gehörte. In der Zwischenzeit wusste sie, wie umschwärmt er war. Patrick verkörperte alles, was ein Teenie (und nicht nur die) sich in seinen Träumen vorstellte: gutes Aussehen, Charme und Sex-Appeal. Nicht jeder Mann, der gut aussah, hatte Sex-Appeal. Wenn Corinne darüber nachdachte, hatte eine Reihe von Männern, mit denen sie in den letzten Monaten ausgegangen war, überhaupt keine erotische Ausstrahlung. Man hätte sie eher als Schnarchnasen titulieren können. Was man von Patrick absolut nicht behaupten konnte.