Kurzgeschichte von Christine Bose

Das Klavier

 

 

Wir treffen uns im großzügigen Foyer des Hauses. Grünpflanzen vermitteln ein beruhigendes Gefühl, strahlen Geborgenheit aus. Kleine Tische mit Stühlen ringsum laden ein, mit den in der Cafeteria gekauften Getränken oder Speisen Platz zu nehmen, mit anderen Menschen zu plaudern, in der eben erworbenen Zeitung zu blättern oder einfach nur zu schweigen. Ob jene, die hier sitzen, ins Haus gehören oder als Besucher von draußen kommen, ist bis auf wenige Ausnahmen nicht auszumachen. Klar, dass beispielsweise Anwesende mit Bio-Schlappen an den Füßen nicht aus der winterlichen Kälte kommen. Die anderen haben ihre dicken Jacken, Mützen, Schals und Handschuhe neben sich auf einem freien Stuhl platziert. Alle reden leise miteinander.

Ich bin Besucherin, eine gute Freundin lebt seit etlichen Wochen hier. Mitten im Raum steht ein Klavier. Jene, der mein Besuch gilt, weiß, hier spielt manchmal eine Frau. „Die müsstest du mal erleben. Die kann spielen, nicht nur ein wenig klimpern. Am Ende eines Konzertes ist sie überglücklich, wie berauscht. Verbeugt sich vor ihren Zuhörern wie eine berühmte Virtuosin am Ende ihrer Darbietung in einer Konzerthalle. Im Alltag ist sie allerdings manchmal völlig hilflos, kann sich noch nicht einmal allein anziehen und beschimpft andere wegen Nichtigkeiten schon vor dem Frühstück. Nur am Klavier ist sie wie ausgewechselt.“

Still und zurückhaltend, fast ein wenig scheu, nähert sich ein junger Mann dem Instrument, nimmt auf dem Klavierhocker Platz. Sacht berühren seine Hände die Tasten, seine Finger zaubern Melodien. Es tut so gut, mal für einen Augenblick den Alltag zu vergessen, ihm zuzuhören, zu träumen. Als er sein kleines Konzert beendet hat, steht er auf und lächelt. Ihm wird mit Beifall gedankt. Auch ich applaudiere, denn er hat mich mit seinem Spiel glücklich gemacht. Einen solchen Service des Hauses für seine Bewohner und Besucher finde ich toll. Da wird extra für den Nachmittag ein Pianist engagiert. Das sage ich meiner Freundin.

Doch sie korrigiert mich: „Aber nein, den Jungen hat niemand bestellt. Der macht das häufig. Kommt ins Foyer, wenn die Therapiestunden vorbei sind und beginnt zu spielen. Einfach so. Ganz egal, wie viele Leute hier sitzen. Der gehört auf meine Station. Soll ich dir noch einen Kaffee mitbringen? Ich hole mir jetzt einen Cappuccino. Abendbrot gibt‘s in einer halben Stunde.“

Ja, ein zweiter Kaffee wäre nicht schlecht. Nächste Woche besuche ich sie erneut. Und vielleicht treffen wir dann wieder unseren Klavierspieler. In der Klinik für Psychiatrie.

 

Christine Bose

Diplom-Journalistin und Buchautorin