Das Geheimnis der Kette - Leseprobe

Das Geheimnis der Kette

 

Heyerode

 

 

 

Heidi Zengerling

 

 

 

Wir schreiben das Jahr 1626 – in Heyerode geht die Pest um. Der schwarze Tod wütet und droht die Einwohner des Dörfchens dahinzuraffen. Sechzig Familien waren betroffen. Es herrschte fürchterliche Armut, und gerade die Unterernährten konnten der Krankheit nicht trotzen. Der Pest waren in Heyerode Tür und Tor geöffnet. Niemand wusste um die Ursachen der Krankheit. Niemand konnte sich ihr entgegenstellen. Man war diesem Schatten der Nacht ausgeliefert.

 

Hilfe suchend wandten sich die Heyeröder an die benachbarte Vogtei. Sie flehten um Beistand angesichts der Grausamkeiten dieses Sterbens, das ihnen die Hölle auf Erden brachte. Aber die begüterten Mönche halfen ihnen nur gegen Verpfändung eines großen Waldstückes am Hainich, vom Sommerstein bis zum Senkig, über die tödliche Gefahr hinweg. Bald verschlossen sie gänzlich Tür und Tor, da sie selbst, vom Pestbazillus befallen, den Tod fürchteten. Niemand gab den Menschen Brot, niemand Wasser. Die Bewohner Diedorfs, dem Himmel und Gott näher als die Mönche der Vogtei, zeigten Erbarmen. Kaum ein Tag verging, an dem auf Geheiß Pfarrer Caspar Hollenbachs die Diedorfer den Heyerödern nicht mit dem Nötigsten halfen.

 

 

 

Damals stand das imposante Doppelkreuz noch nicht auf dem Dinkelbühl. Es wurde erst im Jahr 1681 errichtet – als wieder einmal eine Pestepidemie das Dorf zu erschüttern drohte. Innerhalb einer feierlichen Prozession hatten die Überlebenden im Jahr 1681 das Kreuz hinaufgetragen zum Dinkelbühl, wo es von Pfarrer Johann Valentin Hartmann aus Diedorf eingeweiht worden war.

 

 

 

Die junge Anna hatte die Schrecken der Pest am eigenen Leib erfahren. Würde sie noch leben, wäre sie heute fast vierhundert Jahre alt, eine Greisin, die uns viel erzählen könnte. Vor allem von der Kette. Ein kostbares Kleinod aus zartrosa angehauchten Perlen und einem silbernen , fein ziselierten Verschluss, der das gesamte Können eines Meisters wiedergab.

 

Der Sensenmann verschonte kaum jemanden. Es glich einem Wunder, dass Anna überlebte und von nun an bei der Tante aufwuchs. Es waren entbehrungsreiche Jahre mit Schmach und Pein. Trotzdem entwickelte sich Anna zu einer lebensbejahenden, jungen Frau. Sie heiratete und bekam Kinder.

 

Im Jahr 1681 nahmen Anna und ihr Mann Bertram an der Prozession teil, die aus Heyerode hinaus die Trift entlang zum künftigen Standort des Hochkreuzes führte. Die vagen Erinnerungen an ihre Mutter waren verblasst, dennoch betrauerte Anna immer noch, sie so früh verloren zu haben. Der Schmerz ließ sich nicht in Worte kleiden. Für ihre Tante war Anna nur eine billige Arbeitskraft gewesen, und die Kette hatte dabei häufig genug Anlass zu gierigen Blicken gegeben und für Zank und Streit gesorgt.

 

Dass nun das Hohe Kreuz, weithin sichtbare Bitte um den Beistand des Herrn, auch als Mahnmal für den Tod so vieler Menschen errichtet würde, erfüllte die mittlerweile alte Frau mit tiefer Befriedigung. Und wieder trug sie das Einzige, was ihr von ihrer geliebten Mutter geblieben war: die Kette.

 

Mit dem Alter fragte sich Anna, was es mit der Kette auf sich hatte, denn sie war kostbar, das sah man auf dem ersten Blick. Zu kostbar, als dass eine arme Frau wie Annas Mutter sie sich jemals hätte leisten können. War die Kette Diebesgut gewesen? War ihre Mutter zu einer Sünderin geworden?