Karl Horst Nolte: Volkstheater in Kirchgandern

 

Volkstheater

 

von Karl Horst Nolte

 

 

 

Kirchgandern, 2. Januar 2018

 

 

 

Wieder einmal, wie in jedem Jahr wird im Saal des Dorfkruges in Kirchgandern Theater gespielt. Um 18 Uhr, eine halbe Stunde vor Vorstellungsbeginn, ist der Saal schon zur Hälfte gefüllt. Am Ende reichen die Stühle nicht aus - wie stets in den letzten Jahren. Der Theaterclub aus Elliehausen (bei Göttingen), der den klangvollen Namen „Gasparone“ trägt, tritt nun schon zum 29. Mal, seit der Wende jährlich in ununterbrochener Reihenfolge, bei uns auf.

 

Wie fing alles an?

 

Nach der Grenzöffnung im Herbst 1989 war die Euphorie zwischen den Menschen im Osten und Westen des Landes im doppelten Sinn grenzenlos. Einst abgeschirmt vom Rest der Welt, konnten wir Kirchgänder uns nun nach allen Richtungen frei bewegen. Wir waren neugierig auf die Gegend, die uns bisher vorenthalten war, und umgekehrt. Unser Dorf wurde aus dem Dornröschenschlaf erweckt und glich einem Taubenschlag.

 

Es entwickelten sich viele deutsch-deutsche Freundschaften, privat als auch auf Vereinsebene. Es wurden Fußballfreundschaftsspiele organisiert, Gesangvereine luden sich gegenseitig zum Chorwettstreit ein ... So machte damals auch eine Nachricht im Dorf die Runde, dass eine Theatergruppe von der anderen Seite der ehemaligen Grenze bei uns ein Gastspiel geben möchte. Warum man sich ausgerechnet Kirchgandern für den ersten Gastauftritt in der ehemaligen DDR ausgesucht hatte, war durch verwandtschaftliche Beziehungen begründet. Man war gespannt und erwartungsvoll. Genauso erging es den Theaterleuten aus dem Westen. Man war neugierig auf die Leute gleich hinter dem ehemaligen Zaun.

 

 

 

Nach den Grußworten beider Bürgermeister aus Elliehausen und Kirchgandern öffnete sich schließlich der Vorhang zum Schwank „Hochzeitsreise ohne Mann“. Das Stück kam bei den bis dahin nicht gerade kulturverwöhnten Zuschauern sehr gut an. Bei den Älteren rief es sogar Erinnerungen wach, hatte man doch bis Mitte des letzten Jahrhunderts selbst noch eine Theatergruppe im Ort. Ab den fünfziger Jahren wurden dann sämtliche kulturellen Bestrebungen staatlicherseits wegen der Grenznähe unterbunden.

 

 

 

Natürlich wollten die Theaterleute nach der Aufführung noch mit den Einheimischen die Grenzöffnung feiern. Eigens hierfür hatten sie zwei Fass Bier und eine Zwei-Mann-Band mitgebracht. Schnell holte der eine oder andere Kirchgänder von daheim noch Wurst und Brot, und eine weitere deutsch-deutsche Freundschaft konnte besiegelt werde.

 

Knapp drei Jahrzehnte sind mittlerweile seit der Grenzöffnung vergangen. Von den damals entstandenen freundschaftlichen Beziehungen sind mit den Jahren die meisten auf der Strecke geblieben. Man fährt nicht mehr zum Fußballspielen beziehungsweise zum Singen nach Hessen oder Niedersachsen. Die Leute von damals sind älter geworden. Eine neue Generation ist herangewachsen, die die Grenzöffnung nur vom Erzählen her kennt.

 

Doch nach wie vor öffnet sich alljährlich im Januar auf dem „Dorfkrug“-Saal der Vorhang für „Gasparone“, wie auch heute, wenn auch die Gesichter der Laienschauspieler im Vergleich zu 1990 fast alle neu sind. Am liebsten spiele man bei den drei Gastauftritten jährlich in Kirchgandern, war von den Darstellern zu hören. Der 1913 erbaute Saal, der vor ein paar Jahren renoviert wurde, bietet auch das passende Ambiente für Volkstheater.

 

Im heutigen Stück „Pension von leichter Sitte“ werden die Lachmuskeln der Zuschauer wieder arg strapaziert. Verblüffend ist die spielerische Perfektion der Laiendarsteller. Auffallend auch, dass inzwischen etwa dreiviertel der Zuschauer von auswärts kommen. Man sieht hier Leute aus den verschiedensten Ecken des Eichsfeldes sowie aus dem Landkreis Göttingen. Qualität spricht sich rum!

 

Nach der Vorstellung spart man wie gewohnt nicht mit Applaus. Peter Rudolf, der Theaterleiter, verspricht im Namen der Theatergruppe im nächsten Jahr zum 30. Auftritt wiederzukommen und bittet die Zuschauer, anschließend zu bleiben. Man will ja den schönen Abend in gewohnter Art gemeinsam ausklingen lassen.

 

 

 

Wer also glaubt, Volkstheater sei in der heutigen Zeit ein Auslaufmodell, sieht sich hier eines Besseren belehrt.  

 

 

 

 

 

 

 

Fotos:

2018  Gruppenaufnahme: Ensemble in „Pension von leichter Sitte“ 

 

2014  Szene aus „Die blaue Maus“, man hatte zum Jubiläumsauftritt in Kirchgandern (25. Auftritt) ein besonderes Stück ausgesucht; spielt um die Jahrhundertwende, zeitgemäße Kostüm