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Spende vom 9.07.2018
Spende vom 9.07.2018

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Aus unserem Magazin "Das Eichsfeld liest" Nr. 4

 

Fiona Butterfly

Der Schmetterlingseffekt

 

 von Peter Schneider

 

 

Sie war schon immer sehr neugierig und so kam, was kommen musste. Fiona Butterfly, eine kleine Raupe aus dem Herzen Deutschlands, wagte sich zu weit nach vorn und fiel vom Tisch direkt in den Reisekoffer der Familie Schneider. Sie versuchte, so schnell wie möglich zu entkommen. Doch eh sie sich versah, schloss sich der Kofferdeckel und sie fand sich wieder inmitten von Badehosen, Bikinis und Sonnenhüten.

 

   Es rumpelte und polterte, es wurde kalt und wieder warm. Als sich der Kofferdeckel schließlich öffnete, war aus der kleinen Raupe Fiona ein wunderschöner Schmetterling geworden. Er flog sogleich aus dem Koffer und erkundete die neue Umgebung. Schnell stellte er fest, dass alles anders war. Um ihn herum waren unbekannte Tiere und Pflanzen. Die Sonne schien sehr stark und es war viel wärmer als Fiona Butterfly es von zuhause gewohnt war. Außerdem sahen die Menschen anders aus! Ihre Kleidung war kunterbunt, sie sprachen viele verschiedene Sprachen, lächelten und lachten. Ohne es zu wissen, war das kleine Fräulein Butterfly aus dem Herzen Deutschlands mitten in das Herz Afrikas gereist. Fiona war in Uganda gelandet und ihre Neugierde war kaum mehr zu bremsen.

   Nachdem Fiona Land und Leute kennengelernt hatte, ließ sie sich in einem kleinen Dorf nieder. In  Lwamaggwa gab es eine Schule voller kleiner Spielgefährten. Fiona genoss die Zeit mit den Kindern der St. Pius – Grundschule. Sie konnte von der Fensterbank aus dem Unterricht der Lehrerin Teopista lauschen und in den Pausen mit den Kindern spielen. Am liebsten war Fiona die Trockenzeit, denn während der Trockenzeit regnete es sehr wenig. Sie konnte fliegen, so viel sie nur wollte, ohne dass ihr die dicken Regentropfen auf den Kopf fielen. 

 

   Nach einiger Zeit bemerkte Fiona, dass die Kinder in der Trockenzeit nicht so gern mit ihr spielten. Das ärgerte Fiona, denn sie verstand den Grund dafür nicht. Eines Tages fiel der Lehrerin Teopista das traurige Gesicht des Schmetterlings auf, und so fragte sie Fiona nach dem Grund.

   Mit einem verständnisvollen Nicken lauschte Teopista den Worten des kleinen Schmetterlings und erklärte:  „In der Trockenzeit scheint die Sonne sehr stark, deshalb müssen die Kinder viel trinken, um nicht müde zu werden. Leider sind die Wasserauffangbecken der Grundschule kaputt. Früher konnten wir das Regenwasser aus der Regenzeit sammeln und es während der Trockenzeit zum Trinken nutzen. Schon vielen ist das Problem aufgefallen, aber bislang ist niemandem gelungen, die Becken zu reparieren."

   Fiona hörte genau zu und beschloss, die Regenwasserbecken zu reparieren und nicht aufzugeben, bevor ihr Ziel erreicht war.

 

   Fiona Butterfly, die winzige Schmetterlingsdame, versuchte alles in ihrer Macht Stehende, stellte aber entmutigt fest, dass die Reparatur der Becken ohne Handwerker nicht möglich war. Die Schule hatte aber kein Geld, um Handwerker zu bezahlen. Deshalb fragte Fiona den Maurer und den Klempner, ob sie ihr helfen könnten. Die Handwerker hätten ihr gerne geholfen. Aber die Handwerker in Uganda nehmen, so wie auch in Deutschland, Geld für ihre Arbeit, damit sie ihre Familien ernähren können. Und so kam es, dass alle Handwerker dem kleinen Schmetterling absagten. Entmutigt und traurig flatterte Fiona davon.

 

   Als die Lehrerin Teopista den traurigen Schmetterling sah, sprach sie ihn erneut an und erkundigte sich nach seinem Befinden.

   Wieder nickte Teopista verständnisvoll und hörte aufmerksam zu, bevor sie Fiona Mut machte: „Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg!“

   Und so setzten sich die Kinder, Teopista und Fiona in ihrem Klassenraum zusammen und überlegten, wie sie das Geld für die Handwerker besorgen könnten. Fiona fiel schließlich ein, dass man für einen Euro in Deutschland  viele Schillinge in Uganda bekommt und dass es doch bestimmt ein Leichtes sei, ihre Freunde in Deutschland darum zu bitten. Würde jeder ihrer Freunde nur einen kleinen Beitrag leisten, könnte sie schon in der nächsten Trockenzeit wieder ausgelassen mit allen Kindern umhertoben.

   „Leider sind Uganda und Deutschland ganz weit voneinander entfernt und zwischen den beiden Ländern liegt eine große Wüste“, entgegnete eines der Kinder.

   „Selbst der stärkste Schmetterling würde es nicht schaffen, diesen langen Weg zu fliegen“, gab ein anderes Kind zu bedenken.

   Abermals entmutigt drehte Fiona ihren Kopf hilfesuchend in Richtung der Lehrerin.

   Teopista lächelte. „Kinder, habt ihr schon einmal vom Schmetterlingseffekt gehört? Der Flügelschlag eines Schmetterlings mag an einem Ort noch so klein sein, aber an einem anderen, weit, weit entfernten Ort kann eben dieser Flügelschlag einen starken Wind oder sogar einen Sturm auslösen.“

   Fiona war begeistert. Sie fasste neuen Mut und verriet den Kindern ihre Idee. „Wenn wir alle zusammen fest mit den Flügeln schlagen, schaffen wir es vielleicht, Wind in Deutschland zu erzeugen und meinen Freunden auf diese Weise ein Zeichen zu senden!“

   Von den Worten des kleinen Schmetterlings beflügelt, sprangen die Kinder und ihre Lehrerin auf und verließen Flügel schlagend das Klassenzimmer …

 

 

All dies geschah im Juli 2017.

Manchmal brauchen Wunder Zeit und immer brauchen Wunder Menschen, die an sie glauben, damit sie in Erfüllung gehen können. Inzwischen ist es Dezember geworden in Deutschland, und wie durch ein Wunder weht ein zarter Wind durch das „Grüne Herz“ Deutschlands.

 

Spürst du den Wind auch?